Gehen uns die Lehrer aus?

Sprechen wir von Fachkräftemangel, dann meinen wir in der Regel fehlende MINT-Fachkräfte in der Industrie und im Handwerk, in unseren Krankenhäusern und Seniorenheimen.

Ähnlich katastrophal aber ist die Situation an unseren Schulen. Überall fehlen uns die Lehrkräfte: grundsätzlich eigentlich, aber vor allem auch in unseren Grundschulen und in den MINT- und naturwissenschaftlichen Fächern. Lediglich die Gymnasien dürften weniger Probleme haben, ihre Stellen zu besetzen.

Laut Deutschem Lehrerverband fehlen fast 40 000 Pädagogen, Tausende Stellen mussten im Herbst notdürftig mit Seiteneinsteigern, Pensionären und Studenten besetzt werden.

Auch in NRW ist das Problem seit Jahren gravierend. NRW-Schulministerin Y. Gebauer hat deshalb ein Maßnahmenpaket verabschiedet. Beispiel Seiteneinsteiger: Lehrer für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen (Sek II) können sich auf eine Stelle an einer Schule der Sekundarstufe I bewerben und werden nach einer erfolgreichen Bewerbung sofort in ein Dauerbeschäftigungsverhältnis übernommen. Doch hier belegt eine Studie der Bertelsmann Stiftung beispielhaft für Berliner Grundschulen, dass solche Seiteneinsteiger ausschließlich an sogenannten Brennpunktschulen eingesetzt werden. Das zeigt, dass auch innerhalb einer Schulform ausgerechnet jene Schüler am meisten vom Lehrermangel betroffen sind, die guten Unterricht besonders nötig hätten.

Was hat NRW-Schulministerin Gebauer noch vor? Es soll eine erweiterte Möglichkeiten zur Verbeamtung und es soll zusätzliche Stellen für Oberstufenlehrkräfte an Gesamtschulen geben. Künftig können sich auch Absolventinnen und Absolventen eines Masterstudiengangs an Fachhochschulen auf eine Lehrerstelle bewerben. Bisher ist für den Seiteneinstieg ein Universitätsabschluss erforderlich. Zudem sollen Pensionäre und Quereinsteiger aus der Wirtschaft gewonnen werden.

Viele Ideen, doch die wirklichen Impulse fehlen. Der Beruf des Lehrers müsste attraktiver gestaltet werden, dies fängt bei der Entlohnung an und hört bei der Organisation des Unterrichts auf.

Eine Entlastung des Lehrers sollte abseits vom Unterricht erfolgen. Nehmen wir als Beispiel die Studien- und Berufsorientierung. Selbstredend bin ich ein Verfechter für eine flächendeckende und fächerübergreifende „Berufliche Orientierung“. Bereits vor über zehn Jahren organisierten wir Teamtage in Düsseldorfer Schulen, um die Berufs- und Studienorientierung strukturiert in den Schulalltag zu implementierten. Vor über 20 Jahren bereits gründeten wir in Düsseldorf und Ostwestfalen-Lippe das Berufswahlsiegel (mittlerweile das größte deutsche Schulprojekt; www.netzwerk-berufswahlsiegel.de). Jede Lehrkraft sollte immer auch im Kopf haben ihre Schüler auf das Leben, auf die Berufswelt vorzubereiten.

Letztendlich aber sollten Lehrer auch unterrichten :-)). Insofern benötigen sie vor allem im Bereich der „Beruflichen Orientierung“ Unterstützung und Entlastung von außen. Der Trend geht aber in die andere Richtung. Vor allem in NRW wachsen die so genannten „Standardelemente“ in der Studien- und Berufsorientierung, das heißt: Berufliche Orientierung wird mehr und mehr zur Pflicht und weniger zur Kür. Pflichtelemente aber MÜSSEN von den Lehrern durchgeführt werden, was wiederum bedeutet, dass die Lehrkräfte auch an dieser Stelle immer mehr in die Pflicht eingebunden werden und weniger von außen entlastet und unterstützt werden können.

Ob diese Vorgehensweise letztendlich die Attraktivität des Lehrerberufs fördert muss an dieser Stelle angezweifelt werden. In der Süddeutschen Zeitung wird eine Lehrerin wie folgt zitiert: „Wir spüren den Lehrermangel schon länger, so richtig eng wurde es dann aber im vergangenen Frühjahr. Da sind innerhalb von vier Monaten vier Vollzeit-Lehrerinnen ausgefallen, durch Schwangerschaften mit sofortigem Arbeitsverbot. Plötzlich standen eine Inklusionsklasse, eine Abschlussklasse und zwei weitere Klassen ohne Klassenlehrerin da.“ Die Not an unseren Schulen ist groß. Pragmatische und praxisnahe Lösungen sind nun gefragt, denn am Ende geht es immer um unsere Kinder.

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Talentschulen für mehr Bildungsgerechtigkeit

Deutschland wird immer wieder dafür kritisiert, dass der Bildungserfolg entscheidend abhängt vom Elternhaus und dem sozialen Umfeld. NRW-Bildungsministerin Gebauer will hier ansetzen und ernannte die ersten 35 Talentschulen. Insgesamt sollen es einmal 60 werden, die allesamt in benachteiligten Stadtgebieten platziert sind.

Jede Talentschule soll ein individuelles pädagogisches Konzept umsetzen und bekommt 2.500 EUR für Fortbildungen. Außerdem gibts 400 zusätzliche Stellen für Lehrkräfte und Sozialarbeiter. Was den Schulen nicht „schmecken wird“: Die Stellen sollen unter anderem mit Menschen besetzt werden, die in einem Unternehmen der Stadt freigesetzt worden sind (ob dies eine Vorgabe des Arbeitsministers war?). Also: Quereinsteiger, zunächst ohne pädagogischem Hintergrund. So etwas mögen „richtige Lehrer“ nicht. Sie können sich allerdings auch mit Quereinsteigern anfreunden, wenn es pädagogische Weiterbildungen gibt. Ich kenne einige Quereinsteiger: sie alle sind motiviert und engagiert und bieten ihren Schülern viel Wissen und Hintergrund. Und eines muss klar sein: vor allem in den Bereichen Technik, Informatik, Naturwissenschaften herrscht Fachkräftemangel, der zukünftig nur noch mit Quereinsteigern zufüllen sein wird. Aber, dies ist ein neues, anderes Thema.

Die Idee der Talentschulen mag grundsätzlich eine gute Idee sein, aber viele geplanten Module sind nicht abhängig von Geld und Stellen, sondern von externen Institutionen, die ohne neue Ressourcen zu bekommen, unterstützen sollen. Beispielsweise sollen sich die Schulen vernetzen mit Unternehmen und Stiftungen (das aber könnten sie heute schon, wenn sie den Nutzen für sich und ihre Schulen erkennen würden).

Berufskolleg sollen ihre Berufsfelderkundungen ausbauen. Diese BFEs gibts bereits in jeder Stadt, werden aber von den Schulen sehr unterschiedlich genutzt. Im schulischen Übergangsmanagement sind diese BFEs platziert in der 8. Klasse, nach der Potenzialanalyse und vor dem fokussierten Praktikum in der 9. Klasse. Sie finden in Unternehmen statt und dauern bis zu sechs Stunden. Schüler sollen sich diese nach ihren Interessen und Fähigkeiten aussuchen – das gelingt aber selten. Meistens geben die Schulen Unternehmen vor, in denen die Schüler BFEs zu absolvieren haben oder Eltern besorgen ihren Kindern Plätze – hier sind nicht die Talente der Kinder gefragt, sondern die Kontakte der Eltern. Aber, es gibt auch gute Beispiele, wo es besser läuft, z.B. in Düsseldorf und Gelsenkirchen.

Leider befinden sich die Zahlen der BFEs auf dem Rückmarsch, weil die Unternehmen wenig Nutzen darin erkennen, sich mit 13jährigen Pubertieren sechs Stunden auseinander setzen zu müssen. Allerdings sind BFEs eine sehr gute Möglichkeiten, erste Einsichten in die Arbeit- und Berufswelt zu bekommen. Doch, auch dies ist ein neues, anderes Thema.

Zurück zu den Talentschulen. Kritiker der Talentschulen verstehen nicht, warum nur 60 Schulen in NRW gestärkt werden und andere nicht. Schulen, die eine Förderung nötig hätten, bekämen nichts aus dem Topf, schimpft der NRW-Chef der Landesschülervertretung. Auch die SPD hält nichts von den Talentschulen, das mag aber auch Politik sein bei einer CDU/FDP-Regierung. Der Lehrerverband lehrer nrw begrüßt hingegen die Idee, der man eine Chance geben sollte.

149 Bewerbungen gab es für diese erste Runde, eine „interessant“ besetzte Jury suchte die ersten 35 Schulen aus: ein Koch, der auch TV-Moderator ist, ein Professor für Pädagogik, ein Unternehmer und eine Schülerin, der Rektor einer Fachhochschule, die Gleichstellungsbeauftragte einer Hochschule, ein pensionierter Lehrer, mehrere Bildungsforscher, noch eine Professorin, diesmal für Fachdidaktik, noch ein Professor mit dem Schwerpunkt Integrationsforschung, ein ehemaliger NRW-Sportminister. Getrost kann man glauben, dass die meisten dieser Jurymitglieder keine direkten und praktischen Einblicke in unsere NRW-Schulen haben. Warum wurden nicht Menschen eingeladen, die oft in Schulen sind? Und Menschen, die zu den internen und externen Zielgruppen von Schule gehören (z.B. Eltern, Ausbildungsleiter, lokale Bildungsexperten)?

Man sollte den Talentschulen auf jeden Fall eine Chance geben. Mit den ausgesuchten Schulen in Gelsenkirchen stehe ich im Kontakt. Dort ist die Nachricht zwar bereits angekommen, aber die Schulen haben noch keine Info, wie es nach den Sommerferien los gehen wird. Vor allem bleibt die Frage, wo die vielen neuen Lehrer herkommen sollen, denn in den entscheidenen Fächern ist der Markt leergefegt.

Ich denke: ohne die externen Netzwerken (Unternehmerverbände, Netzwerk Schule/Wirtschaft, Bildungsstiftungen etc.) werden es auch die neuen Talentschulen nicht leicht haben. Und eine Chance sollten sie bekommen, denn: es geht immer um unsere Kinder!

Infos zu den Talentschulen gibts hier: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulentwicklung/Talentschulen/index.html

Brauchen unsere Schüler mehr als Tablets?

Da gehen die Meinung von Lehrern, Eltern, Schülern und Digitalfachleuten sowie Lernexperten weit auseinander: Brauchen unsere Schüler mehr als Tablets? Diese These stellte jedenfalls in dieser Woche Felix Nattermann auf. Nattermann ist Mathe- und Informatiklehrer an einem Gymnasium in Mönchengladbach und Gründer vom www.codeclub.de.

Viel mehr Schüler sollen nach dem Willen der neuen Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, ein Tablet im Unterricht benutzen. Das meint die CSU-Ministerin aber nicht vordringlich bezüglich irgendwelcher digitaler Kompetenzen, sondern weil der Schulranzen zu schwer sei.

Auch mit einem Tablet seien die aktuellsten Informationen abrufbar, sagte Bär – und verwies auf ihren schweren Diercke-Weltatlas aus den 80er Jahren, den sie noch bis Ende der 90er Jahre benutzt habe: mit zwei Deutschlands, einem Jugoslawien und einer Sowjetunion. «Besser die Schüler lesen Goethes Faust auf dem Tablet als irgendeinen Schund auf Papier», sagte sie.

Auch Kleinkinder könnten Tablet-Computer ohne Bedenken nutzen, meint die Staatsministerin. «Es gibt für Kinder tolle Lern-Apps mit schönen Illustrationen oder Tierstimmen. Wenn ein zweijähriges Kind sich so etwas für fünf Minuten anschaut, ist das kein Problem.» Über diese These lässt sich natürlich streiten, aber lassen wir das an dieser Stelle.

Deutschland liegt beim Einführen und Nutzen von Computern, Notebooks und Smartphones in der Schule hoffnungslos weit zurück. Das wissen alle Betroffenen und Entscheider. Aber: Ist das ein Problem? „Nein“, sagt Hirnforscher Manfred Spitzer. Das Tablets in Bildungseinrichtungen ausgegeben werden, sei ein Skandal, sagte Spitzer unlängst im Deutschlandfunk: “ (…) Das zeigen übrigens auch die Studien. Eine große Blikk-Studie aus dem letzten Jahr, von deutschen Kinderärzten an 6000 Personen gemacht. Da kommt raus, dass die 13-Jährigen sich durch das Smartphone überfordert fühlen und dass sie die Kontrolle über das Smartphone verlieren, weil das Smartphone – das wissen wir auch – suchterzeugende Eigenschaften hat. In Korea gab es über 30 Prozent Süchtige, wir sind bei acht Prozent. Da können wir nicht sagen, geh‘ damit um!“

Manfred Spitzer ergänzt: “ (…) Es hat sich gezeigt, dass je medienkompetenter ein Kind ist, desto eher liest es Bücher und nicht vom Bildschirm. Spitzer gibts auch zuhören: https://www.youtube.com/watch?v=cn4M3ZYV5-o.

Lehrer Nattermann hält dagegen mit einer etwas anderen Perspektive. Er erklärt unser Schulsystem für komplett veraltet. In der Rheinischen Post sagt er: „Das, was Schüler für ihre Zukunft brauchen, und das, was wir ihnen in der Schule beibringen, ist widersprüchlich und passt an vielen Stellen einfach nicht mehr zusammen. Mit Blick auf den künftigen Beruf bereiten wir Schüler auf Branchen vor, die wegbrechen werden, während sie das, was sie brauchen werden – nämlich digitales Denken – nicht lernen. Es wird in Zukunft nicht mehr darum gehen, nach standardisierten Verfahren etwas abzuarbeiten, sondern nachzudenken, querzudenken, sich selber neue Sachen anzueignen, im Team zu arbeiten und kreative Wege zu finden. Es geht ums Knobeln und Austüfteln. Der Mensch muss das können, was der Computer nicht kann.“

Die Reporterin fragt Nattermann, ob es denn ausreichen würde, die Kinder mit Tablets auszustatten. Auch hier bezieht der 39jährige eindeutig Stellung: „Ganz und gar nicht. Wenn die Schüler Tablets haben, ist das gut, aber das gehört nur in den Bereich, in dem der Computer als Werkzeug dient. Tablets und der Computereinsatz im Unterricht helfen beim Erarbeiten von Inhalten in den unterschiedlichsten Fächern, nicht aber direkt beim Thema Medienkompetenz. Ziehen und Klicken können die Schüler auch so schon.

In der Schule müssen wir uns aber um drei Bereiche kümmern. Wir müssen auch für eine informationstechnische Grundbildung (ITG) sorgen. Ein Stichwort ist hier Medienkompetenz. Die Schüler müssen begreifen, was mit Daten passiert, wo sie gespeichert werden, wie auf sie zugegriffen wird. Zum Beispiel, warum man bei Youtube immer nur Videos mit einer bestimmten Ausrichtung angezeigt bekommt. Dazu gehört auch der Datenschutz. Außerdem gibt es die Informatik – den Bereich, wo der Mensch als Entwickler auftritt, wo Daten gesammelt werden, Programme geschrieben, Algorithmen eingesetzt. Diese drei Bereiche muss man unterscheiden, und man muss sie in der Schule alle bedienen.“

Also, dieses Thema bleibt aktuell und wird uns so schnell vermutlich nicht verlassen. Übrigens: 40 Millionen mal wurde inzwischen auf der Videoplattform TED ein Vortrag des britischen Bildungsforschers Sir Ken Robinson angeklickt, der den Titel hat „Wie Schule Kreativität tötet“. https://www.youtube.com/watch?v=YYacgRldEDA

Elternabend: Wirksame Instrumente für eine erfolgreiche Berufsorientierung

29.01.2019
Agentur für Arbeit Düsseldorf
Grafenberger Allee 300

Die Berufsorientierung ist sowohl für die Jugendlichen als auch für die Eltern eine große Herausforderung. Sie als Eltern sind neben der Schule die wichtigsten Ratgeber, wenn es um den weiteren Werdegang Ihres Kindes geht: Sie kennen Ihr Kind am besten und möchten natürlich nur das Beste für Ihre Tochter / Ihren Sohn erreichen. Die Berufsorientierung in den Schulen startet für gewöhnlich in der 8. Jahrgangsstufe mit der Einführung des Berufswahlpasses, der Potenzialanalyse und den Berufsfelderkundungen.

Das erwartet Sie beim Elternabende zur Berufsorientierung:

– Sie erhalten Informationen wie Sie Ihr Kind im Berufsorientierungsprozess unterstützen können
– Experten informieren Sie über die aktuelle Ausbildungssituation in Düsseldorf
– Sie erhalten Informationen wie Sie Ihr Kind während der Düsseldorfer Tage der Studien- und Berufswahlorientierung aktiv unterstützen können.

www.kommunale-koordinierung.com

Wege in die Arbeit- und Berufswelt

Heute starte ich diesen Blog. Deshalb stelle ich mich zu Beginn einmal kurz vor. Meine Name ist Christoph Sochart und „mache“ seit fast 30 Jahren Berufs- und Studienorientierung in Düsseldorf als Geschäftsführer der Unternehmerschaft Düsseldorf. Unsere Zielgruppen sind Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Mit pragmatischen Tools und Formaten vernetzen wir diese Zielgruppen mit den Unternehmen in der Stadt. Mittlerweile sind wir auch in Gelsenkirchen aktiv in diesem Bereich und beide Standorte, also Düsseldorf und Gelsenkirchen, bereichern sich gegenseitig wunderbar. Themen sind die vielen unterschiedlichen Wege in die Arbeit- und Berufswelt. Bei rund 400 Ausbildungsberufen und 15.000 Studiengänge, darunter auch Duale Studiengänge, benötigen wir dringend eine lokale und regionale Transparenz, denn: Infos über Berufe und Branchen gibts genug, aber letztendlich fehlt die Transparenz. Mit unseren Veranstaltungen und Tools schaffen wir diese Transparenz. In diesem Blog berichte ich über solche Instrumente + Formate.